Παρασκευή, 18 Μαρτίου 2016

DER GRIECHEN-MÜLLER. DER DEUTSCHE PHILHELLENISMUS UND DER DESSAUER DICHTER WILHELM MÜLLER

Wilhelm Müller
(1794-1827)
Der Griechen-Müller.

JOHANNES IRMSCHER

Die Bilder und die Textformatierungen sind unsere Auswahl (Yauna),
 und nicht im Text enthalten.
 

Im Stadtpark von Dessau  befindet sich ein Denkmal, 4,30 m hoch, im Jahre 1891 von dem anhaltischen Hofbildhauer Hermann Schubert (1831-1917) vollendet, der, aus Dessau gebürtig, nach seiner Ausbildung in München mehr als ein Jahrzehnt in Rom verbrachte und schließlich, als Professor in Dresden lebend, vornehmlich für seine Heimatstadt , aber auch für andere deutsche Städte wirkte.
 Das Denkmal ruht auf einem Sockel aus rotem lakonischen Marmor vom Taygetos , der in griechischer Sprache die Inschrift trägt:

Τώ τής 'Ελληνικής ελευθερίας άοιδώ τον λίθον εκ των Αττικών και Λακωνικών λατομείων ή 'Ελλάς ευγνομονούσα 
( Dem Sänger der griechischen Freiheit den Stein aus den attischen und lakonischen Steinbrüchen das dankbare Hellas).


 Neben dem lakonischen ist nämlich auch attischer Marmor verwendet, blaugrauer Stein vom Pentelikon, um das Mittelstück zu formen, das in vier Reliefs vier allegorische Figuren im Geschmack der Zeit zeigt, welche die Leitbilder des durch das Denkmal Geehrten verkörpern:
Poesie und Wissenschaft, Hellas und Deutschland. 

Den Geehrten selbst stellt eine Büste aus silberglänzendem pentelischen Marmor in antikisierender Manier dar, welche das Werk krönt.
Aber mehr noch als durch dieses Denkmal, das zu errichten sich anhaltischer Bürgersinn und griechische Dankbarkeit  vereinigt hatten, lebt der Dessauer Dichter Wilhelm Müller, dem unsere Aufmerksamkeit gilt, im Herzen des deutschen Volkes durch seine Lieder, von denen einige Volkslieder im besten Sinne geworden sind.

 Denn wer kennte nicht von frühester Jugend her das Lied vom Lindenbaum
«Am Brunnen vor dem Tore», 
«Das Wandern ist des Müllers Lust»   oder aus gleichem Lebensbereich die Verse
 «Im Krug zum grünen Kranze da kehrt’ ich durstig ein» ?

 Von dem Schöpfer solcher Lieder soll hier die Rede sein, und zwar mit besonderem Bezug auf diejenigen, die ihn, um die Formulierung der Dessauer Denkmalsinschrift zu gebrauchen, zum Sänger der griechischen Freiheit machten.

Ähnlich wie das Herzogtum Sachsen-Weimar in der Zeit Goethes stand das Fürstentum Anhalt-Dessau in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in dem Rufe, als eine aufgeklärte Despotie sich einer auf philosophische Prinzipien gegründeten, auf das Wohl der Untertanen bedachten, humanen Regierungsweise zu erfreuen .

 In der Tat waren in diesem Kleinstaat mit seinen (im Jahre 1787) 36.000 Einwohnern, dessen Herrscherhaus dem expansionistischen Preußen vordem manchen General, darunter den berühmt-berüchtigten «Alten Dessauer» gestellt hatte , in jener Epoche im wirtschaftlichen Bereich Maßnahmen ergriffen und auf geistig-kulturellem Gebiet Entwicklungen angebahnt worden, die den Forderungen der sich ihrer selbst bewußt werdenden Bourgeoisie entgegenkamen und dank diesem, wenn man so will, reformistischen Weg zugleich die Position der durch das Herrscherhaus repräsentierten Feudalkräfte festigten;
jene Tendenzen sind um so höher einzuschätzen, als im preußischen Nachbarstaate zur selben Zeit Friedrich II., indem er eine entgegengesetzte, reaktionäre Linie verfolgte, den bürgerlichen Einfluß energisch zurückdrängte und die Stellung des Junkertums mit allen Mitteln zu stärken suchte .
Wir haben daher allen Grund, die umfassenden politischen, philosophisch-pädagogischen und künstlerischen Bewegungen, deren Verwirklichung und Ergebnis wir unter der Bezeichnung Dessau-Wörlitzer Kulturkreis erfassen, in ihren vorwärtsweisenden Elementen zu begreifen und sie als einen noch heute lebendig wirksamen Bestandteil des deutschen Kulturerbes zu pflegen.

Staatlicher Repräsentant dieser Epoche war der Fürst (seit 1807 Herzog) Leopold III. Friedrich Franz, dessen lange Regierungszeit von 1751 bis 1817 von der bürgerlichen Landesgeschichtsschreibung ganz gewiß überhöht dargestellt worden ist ;
dennoch dürfte er dem Vergleich mit dem Weimarer Großherzog Karl August durchaus standhalten, verdient sein —äußerer und innerer— Bruch mit Friedrich II.   alle Beachtung.

 Von den schweren Wunden, die der Siebenjährige Krieg dem Lande geschlagen hatte  , erholte sich dieses bald, nicht zuletzt dank der «Wörlitzer Ökonomie», aus deren Methoden das übrige Anhalt, ja ganz Deutschland lernte .

Gegenüber der Landwirtschaft trat das gewerbliche Leben zurück.

 Die Industrie stand noch in bescheidenen Anfängen  , die Warenproduktion erfolgte auf handwerklicher Basis. Gerühmt wurde von ausländischen Reisenden das anhaltische Straßenwesen  , und die Toleranz, welche den verhältnismäßig zahlreichen Juden (1607 auf 36.000 Einwohner ) gegenüber geübt wurde , dürfte dem Handel und Warenverkehr zugute gekommen sein.
Weit stärker aber noch äußerte sich der neue Geist in den kulturellen Leistungen;
denn nicht anders als das klassische Weimar vermochte das «aufgeklärte» Fürstentum von Anhalt- Dessau außergewöhnliche Persönlichkeiten an sich zu ziehen, die ebenjenen Dessau-Wörlitzer Kullurkreis verkörperten.
 Die führende Rolle kam in ihm dem aus Dresden gebürtigen Architekten Friedrieh Wilhelm von Erdmannsdorff zu, dem sich der Fürst in «Herzensfreundschaft» verband ;
gemeinsame Studienreisen führten nach England und Italien und vermittelten Erdmannsdorffs Schaffen entscheidende Impulse:

 Im Geiste eines Klassizismus, wie ihn in England, das Rokoko überwindend, liberaler Adel und Großbourgeoisie entwickelt hatten, schuf er 1769 bis 1773 das Wörlitzer Schloß   inmitten der großartigen Parkanlage, die der Hofgärtner Johann Friedrich Eyserbeck schon 1764 im englischen Stil anzulegen begonnen hatte   — mit der Rousseau- Insel als Kernpunkt, deren Denkstein dem «Bürger zu Genf» gewidmet ist, der die «Witzlinge zum gesunden Verstände» und die «irrende Kunst zur Einfalt der Natur» «mit männlicher Beredsamkeit zurückwies»  .

Aber Rousseaus Andenken wurde nicht nur im Monument, sondern vor allem auch im Leben gepflegt: 1774 konnte Johann Bernhard Basedow  in Dessau das Philanthropinum begründen, «eine Werkstätte der Menschenfreundschaft», welche die pädagogischen Ideen des Bürgertums in die Tat umzusetzen versuchte  ;
in den zwanzig Jahren ihres Bestehens zählte die Anstalt Persönlichkeiten wie Campe, den Herausgeber des deutschen «Robinson Crusoe», Salzmann, den Gründer des Philanthropins in Schnepfenthal, den Theoretiker der philanthropischen Pädagogik Ernst Christian Trapp   und den Turnpädagogen Gerhard Vieth   zu ihrem Kollegium.
 Vor allem aber beförderte ihr Wirken die breite Entwicklung des Volksschulwesens und setzte für ihre Zeit höchst neuartige Gedanken durch :
 Staatlichkeit und religiöse Neutralität der Schule, gute Ausbildung und ausreichende Besoldung der Lehrer, mäßiges Schulgeld, Stipendien für den höheren Unterricht . 

Mit Recht schrieb 1788 eine braunschweigische Zeitschrift: «Es scheint, als wenn dieses kleine Land», eben Anhalt- Dessau, «unter allen deutschen Staaten das erste sein soll, welches sich einer allgemeinen und gründlichen Schulverbesserung zu erfreuen haben wird».

Auf vieles andere, wie zum Beispiel das Wirken
des Malers Johann Friedrich Tischbein,
des Grafikers Daniel Chodowiecki ,
des Dichters Friedrich Matthisson ,
des Komponisten und Kapellmeisters Friedrich Wilhelm Rust  ,
könnte noch hingewiesen werden, doch dürfte das Vorgetragene bereits ausreichen, um die gesellschaftliche Umwelt und das geistig-kulturelle Milieu zu kennzeichnen,
in das Wilhelm Müller am 7. Oktober 1794 hineingeboren wurde .

Wilhelm Müller
Sein Vater war ein unbemittelter Schneidermeister —    die Stadt besaß damals 68 Vertreter seines Berufs  , unter denen er Ansehen genoß .
Seinen Sohn, der als einziges von sieben Kindern die Eltern überlebte, ließ er sich nach seinen Talenten frei entfalten und schickte ihn, inzwischen durch eine Zweitehe zu gewissem Wohlstand gelangt, auf die Hauptschule der Stadt, die Bürger- und Gelehrtenschule in sich vereinigte  ; eine Naturbegabung und in manchen Zügen dem römischen Dichter Ovid vergleichbar , stellte Müller schon als Vierzehnjähriger eine Sammlung von Poesien zusammenu.
1812 bezog er, da Anhalt keine Hochschule besaß, die neugegründete Universität Berlin.

Doch das flotte Studentenleben währte nicht lange.
Preußen und mit ihm ganz Deutschland erhob sich gegen den korsischen Eroberer, dem sein russischer Feldzug den Nimbus der Unbesiegbarkeit genommen hatte.
Auch Müller, der in Dessau als Schulbub Napoleons Durchzug miterlebte, eilte am 16. Februar 1813 als freiwilliger Jäger zu den Fahnen und nahm, ohne verwundet zu werden, an den Schlachten von Lützen, Bautzen, Hanau und Kulm teil. Später leistete er Garnisondienst im Depot zu Prag und im Brüsseler Kommandantenbüro und kehrte, reifer geworden, gegen Ende 1814 in seine Universitätsstadt zurück .

Müllers Studium, das er hinfort mit großem Ernst betrieb, richtete sich jetzt unter den Eindrücken des Befreiungskrieges und dem Einfluß Jahns und anderer Freunde mit Vorzug auf das Deutsche, insbesondere die Dichtung des in romantischer Verklärung wiederentdeckten Mittelalters .

Trotzdem galt aber auch der klassischen Altertumswissenschaft die gebührende Aufmerksamkeit, gehörte doch Müller zu den wenigen, denen der einsam, verbittert und unverträglich gewordene Friedrich August Wolf Zugang gewährte   — Friedrich August Wolf, der fast ein Menschenalter hindurch die Zierde der Hallenser Universität gewesen war, der seinem Fachgebiet Ziel und Aufgaben gewiesen, den Beruf des wissenschaftlichen Lehrers mitbegründet  und durch seine Verleugnung der Geschichtlichkeit Homers weit über die Wissenschaft hinaus das größte Aufsehen erregt hatte  .

Aber ebenso vorteilhaft wie Wolf sprach sich über den Dessauer Studiosus August Boeckh aus, der das antike Leben in allen seinen Äußerungen — auch in den ökonomischen — zu studieren lehrte, seiner Sache gewiß und den Kampf nicht scheuend, der aufgehende Stern am Himmel der Alma mater Berolinensis  .
Boeckh nennt Müller in einem Zeugnis vom 11. Mai 1816 einen jungen «Mann von untadelhaften Sitten», guten Kenntnissen «und glücklichen Anlagen» — nicht umsonst hatte er ihm den Zugang zu der Berliner Gesellschaft bis in die Kreise der Aristokratie hinein erschlossen — und gibt der Überzeugung Ausdruck, daß jener sich «in dem Kreise der Tätigkeit, für welche er sich bestimmt hat, dem Staate und der Wissenschaft sehr nützlich werden werde» .

Eine solche Gelegenheit zur Bewährung sollte sich bald finden. Im Sommer wandte sich der preußische Kammerherr Baron Sack, der es in seiner weiteren Laufbahn bis zum Vizeoberjägermeister brachte, an die Akademie der Wissenschaften mit dem Ersuchen, ihm, dem Dilettanten, für eine Orientreise, die zugleich der Bildung und der Erholung dienen sollte, einen gelehrten Begleiter zu vermitteln. Der Akademie kam dieser Antrag durchaus zupaß, hatte sie doch kurz vorher —im Jahre 1815 — ihren Thesaurus inscriptionum begonnen, für den sich die vorhandene materielle und personelle Grundlage schon bald als unzureichend herausstellte  . Müller wurde daher beauftragt, nach Kräften eigene Kopien unveröffentlichter Inschriften anzufertigen und solche Abschriften von der Hand anderer zu beschaffen  . Erfüllen sollten sich freilich solche Erwartungen nicht.

Zur ersten Station der gemeinsamen Reise wurde für zwei Monate die Kaiserstadt Wien, die durch den Kongreß von 1814/15 die Aufmerksamkeit Europas auf sich gelenkt hatte.

Ioannis Kapodistrias
(1776-1831)
Ebendieser Kongreß hatte dem russischen Delegierten, dem aus Korfu gebürtigen Griechen Graf Johannes Kapodistrias, Gelegenheit gegeben, für sein Heimatland zu werben, das seit 3 1/2 Jahrhunderten unter dem Joch der türkischen Feudalherrschaft schmachtete.

Für solches Bemühen war in Wien der Boden in besonderem Maße vorbereitet, gab es doch hier seit dem beginnenden 18. Jahrhundert eine Kaufmannskolonie, die sich eine Monopolstellung für den Zwischenhandel nach dem Balkan geschaffen hatteb.

Die ökonomische Emanzipation entwickelte und stärkte das Nationalbewußtsein und ließ Wien zu einem bedeutsamen Zentrum in der Vorbereitung des Befreiungskampfes werden.

Die 1814 in Athen gestiftete «Gesellschaft der Musenfreunde » besaß hier eine gewichtige Dependenz , und der gewitzte Diplomat Kapodistrias wußte die «althellenische Mode», wie sein Biograph zynisch vermerkt , für die griechische Sache zu nutzen.

«Minister, Prinzen, Souveräne drängten sich herzu, den goldenen oder ehernen Ring, das Symbol des Philomusenbundes, anzulegen. Geldbeträge flössen reichlich». 

Doch «die wenigsten wußten, was sie taten»; denn «die orientalische Frage klopfte in jener unschuldigen Gestalt des Philomusenbundes an die Türen des Kongresses».

Wilhelm Müller erschloß sich nicht nur die Wiener Hautevolee — dank den Beziehungen des Barons Sack  , sondern auch jene griechischen Kreise um die Gesellschaft der Musenfreunde und besonders natürlich ihre intellektuellen Repräsentanten — dank den Empfehlungen Friedrich August Wolfs.

 In einem Brief an Wolf vom 12. Oktober 1817, in dem er sich ausdrücklich als dankbaren Schüler des Meisters bekennt, berichtet Müller von der herzlichen Aufnahme, die er fand, und dem Unterricht im Neugriechischen, den er genoß: 

«Wenn die Aussprache des Romaischen und die Akzentherrschaft nur nicht wären, so würde es mit meinen Fortschritten schneller gehen»  . 

Müller legte somit in Wien die sprachlichen Fundamente für die spätere poetische Wirksamkeit, die ihm den unterscheidenden Namen «Griechen-Müller» einbringen sollte, und dürfte auch mit den politischen Sehnsüchten des Griechentums vertraut geworden sein;
nichts bezeugt jedoch, daß ihn zu dieser Zeit die Idee der griechischen Freiheit bereits auch persönlich erfaßt hätte.
Die Notwendigkeit, wegen der in Konstantinopel ausgebrochenen Pest den Reiseplan zu ändern, trägt er gelassen ; daß er das Landseiner Lieder selbst niemals betreten würde, konnte er freilich nicht ahnen  .

Um so mehr faszinierte ihn Italien, seine Kunst und Natur und sein Volksleben in allen Äußerungen, aber auch die Begegnung mit Künstlern, Dichtern, Gelehrten und Staatsmännern wie
Bunsen und Niebuhr.

Und nicht zuletzt wurde ihm in der heiteren Umwelt Roms die politische Misere vollbewußt, in die Europa seit dem Wiener Kongreß und der Gründung der Heiligen Allianz geraten war.

«Die große Fastenzeit der europäischen Welt, der Marterwoche entgegensehend und harrend auf Erlösung, verträgt kein gleichgültiges Achselzucken und keine flatterhaften Vermittelungen und Entschuldigungen. Wer in dieser Zeit nicht handeln kann, der kann doch ruhen und trauern», schrieb er in der Dedikationan einen schwedischen Freund, die dem zweiten Bande der heute noch lesbaren Briefsammlung «Rom, Römer und Römerinnen» vorangestellt wurde .

Auf Griechenland hatte für ihn die Vision freilich noch immer keinen Bezug;

Hellas war im Gegenteil hinter der Roma aeterna zurückgetreten, und es war nur folgerichtig, wenn sich Müller von Sack trennte, der nach Ägypten weiterreiste .

Nicht zuletzt infolge dieser Trennung mußten jedoch «die schönen Tage in Aranjuez»   einmal zu Ende gehen, galt es, sich beruflich zu engagieren.
 Ein Zurück nach Berlin konnte es dabei nicht geben; der Auftrag der Akademie war zu vielen bekannt geworden, und da er gar nichts heimbrachte, durfte Müller froh sein, wenn ihm seine einstigen Lehrer mit leidlichem Wohlwollen begegneten .
Dies geschah in der Tat; dank den Gutachten   von Boeckh, Wolf sowie des Historikers Friedrich Rühs   wurde der 24jährige, obgleich ohne Examen und Promotion , an der Dessauer Hauptschule angestellt, deren Schüler er vordem gewesen.

Das Amt befriedigte ihn zunächst wenig, und personelle Mißhelligkeiten kamen dazu; andererseits nahm er sich der ihm übertragenen Aufgabe, aus verschiedenen Teilsammlungen eine öffentliche Bibliothek von rund 18.000 Bänden zusammenzutragen, mit Eifer, Sachverständnis und anerkanntem Erfolg an .
 Und neben allen Berufspflichten standen schriftstellerische Leistungen und Pläne: die bereits erwähnte Aufarbeitung der Italienreise, eine Zeitschriftengründung, Mitarbeit an Literaturblättern und vor allem seine treuherzig-schlichten Gedichte und Lieder auf Durst, Liebe und Frühlingsjubel, wie für den Gesang geschaffen und darum bald vertont .

Die Zersplitterung, die das Studium Wilhelm Müllers kennzeichnete, charakterisiert auch die ersten Jahre seiner Dessauer Berufstätigkeit, die uns gleichermaßen den Schriftsteller, den Dichter, den Bibliothekar, den Lehrer vor das geistige Auge treten läßt.
Wo lag seine wahre Berufung, lag seine Größe?
Um dessen gewahr zu werden, bedurfte es einer echten gesellschaftlichen Aufgabe.

Massaker an Christen von Muslimen 1821
 Der Ausbruch des griechischen Befreiungskampfes im Frühjahr 1821 und die ihn begleitende, ganz Europa erfassende Volksbewegung des Philhellenismus stellte diese Aufgabe. 

Wilhelm Müller hat sie begriffen und ihr nach besten Kräften gedient. 

Um seine Leistung zu würdigen, ist es nötig, einige bereits angedeutete Gesichtspunkte wieder aufzunehmen und in den größeren Zusammenhang zu stellen.

Am Beispiel des Wiener Griechentums wurde deutlich gemacht, wie die griechische Kaufmannsbourgeoisie, die sich ökonomisch von der osmanischen Herrschaft bereits emanzipiert hatte, nun auf dem Wege über die geistige auch die politische Emanzipation anstrebte, und die Erfolge des Grafen Kapodistrias bei seinem Werben für die Gesellschaft der Musenfreunde zeigten, daß solche Bemühungen außerhalb Griechenlands auf breite Sympathien rechnen konnten. 


Als Begründung solcher Sympathien nannten wir, eine zynische Wendung von Kapodistrias’ Biographen aufnehmend, die «althellenische Mode».

Welche geschichtlichen Wirklichkeiten aber stehen hinter dieser «althellenischen Mode»?

Es ist eine historische Tatsache, 
die keines Beweises bedarf, 
daß die Kultur und Zivilisation Europas 
sich auf den Fundamenten gründen, 
welche die Antike, 
welche vornehmlich das griechische Volk gelegt hat. 

Bei den einzelnen Völkern und in den einzelnen Epochen hat sich diese Rezeption der Antike unterschiedlich — und in solchen Unterschieden begründbar — gestaltet.
 Allenthalben haben Bestandteile des antiken Erbes zum Bildungsgut der Nationen gehört, wobei jedoch, bald mehr die inhaltliche, bald mehr die formale Seite im Vordergrund stand.

 Während etwa in der italienischen Renaissance die hellenische Weltlichkeit —trotz verhältnismäßig geringer Verbreitung griechischer Sprachkenntnisse — geradezu revolutionierend wirkte, trug der aus der Renaissance erwachsene deutsche Humanismus — trotz sehr viel intensiverer Griechischkenntnis — weithin schulmeisterlich-philiströses Gepräge.

 Andererseits bildete die durch ihn. geschaffene Tradition die Voraussetzung für die deutsche Klassik, die, um Goethes Iphigenie zu zitieren, «das Land der Griechen mit der Seele» suchte,
 in dem Griechentum die Inkarnation eines unerreichbaren und doch immer neu anzustrebenden ästhetischen Ideals zu finden glaubte, darin monumentale Schlichtheit, klare Geschlossenheit, edle Größe, Proportioniertheit und strenge Harmonie sich zu vollkommener Einheit verbinden sollten. 

So unhistorisch das Bild auch sein mochte, das derartigen Vorstellungen zugrunde lag - die abschätzige Wendung von der «althellenischen Mode» wird uns von hier aus verständlich-, so wenig darf man doch seine Wir-kung auf das gebildete Bürgertum unterschätzen, gerade auch in einer aufgeklärten Despotie, wie sie uns in Anhalt-Dessau entgegentrat.

Und wir werden ebensowenig vergessen, daß dieses Humanitätsideal mit seiner Forderung auf volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit der bürgerlich-demokratischen Revolution vorarbeitete.

Jenes unhistorische Griechenbild bewirkte, daß man außerhalb Griechenlands und besonders in Deutschland das griechische Volk der eigenen Epoche bedenkenlos mit den Hellenen des Altertums gleichsetzte.
Zu griechischen Gelehrten wurden daher bereitwillig Verbindungen geknüpft, wie etwa die Wahl von Anthimos Gazis,
Andreas Mustoxidis,
Konstantinos Kumas und 
Konstantinos Ikonomos
 in die Berliner Akademie an den Tag legte, und die griechischen Studenten, die, wie es Goethe formulierte, der Wunsch beseelte, «sich besonders deutsche Bildung anzueignen», und das Verlangen erfüllte, «allen solchen Gewinn dereinst zur Aufklärung, zum Heil ihres Vaterlandes zu verwenden», fanden an den Universitäten Deutschlands gute Aufnahme.

Aufführung von Goethes »Iphigenie« (1779)
mit Goethe in der Rolle des Orest.
Gemälde von Georg Melchior Kraus
Einer unter ihnen namens Johannes Papadopulos übersetzte Goethes iphigenien- drama ins Griechische, und der Olympier äußerte sich dazu in bezeichnender Weise:

«Wunderbar genug,
 wenn man das Stück in dieser Sprache 
und in dieser Beziehung betrachtet, 
so drückt es ganz eigentlich die sehnsüchtigen Gefühle eines Reisenden und verbannten Griechen aus; 
denn die allgemeine 
Sehnsucht nach dem Vaterland
 ist hier unter der Sehnsucht nach Griechenland 
als dem einzig menschlich gebildeten 
Land ganz spezifisch ausgedrückt »

Solche Sehnsüchte wußte jedoch auch die eigene Literatur zu gestalten.
 Schon Wilhelm Heinse, Repräsentant des Sturmes und Dranges, Kritiker an adliger Konvention und spießiger Philistermoral , ließ die Helden und Heldinnen seines Künstlerromans «Ardinghello» (1787) nach «Ionien» gehen, um «der ganzen Regierung der Türken in diesem heiteren Klima ein Ende zu machen»   und dann nach antikem Modell ihre Idealdemokratie zu errichten.
Heinse folgte Friedrich Hölderlin,
der Meister deutscher Sprache,

wenn er in seinem lyrisch-philosophischen Briefroman
«Hyperion oder Der Eremit in Griechenland»
 das klassische Hellas und 
das der Befreiung harrende Griechenland 
der eigenen Gegenwart zu organischer Einheit verband. 

Hyperion 
«ist ein freiheitsliebender Held und echter Grieche,
 voll kräftiger Prinzipien,
 die ich vor mein Leben gern höre» , 

äußerte sich ein begeisterter zeitgenössischer Leser über die Titelfigur des Werkes.

Er dürfte damit wesentlich Richtiges erfaßt haben.
Hölderlin, der edle Patriot, sieht nicht Griechenland allein
sondern 
in griechischer Einkleidung Deutschland, 
das ihm gleichermaßen der Wiedergeburt bedürftig zu sein scheint.

 Es wird seinem Hyperion zur größten Enttäuschung, daß seine Mitkämpfer sich nicht den gleichen idealen Bestrebungen verbunden fühlen, die ihm selber Wegleitung bedeuten.
Einsam ergibt er sich seinen humanistischen Träumen, von denen her er keinen Weg zur Wirklich
keit sieht .
Wir erinnern uns, daß Wilhelm Müller in recht ähnlichem Sinne von einer Zeit gesprochen hatte, in der man zwar nicht handeln, wohl aber ruhen und trauern könne.

Alexander Ypsilantis auf dem Pruth
 Im Frühjahr 1821 war indes für die griechische Nation die Zeit zum Handeln angebrochen.
 Im März jenes Jahres überschritt Alexander Ypsilantis, Offizier im Dienste des Zaren, den Pruth an der Spitze einer bewaffneten Abteilung von Angehörigen der Gesellschaft der Freunde, der Φιλική Εταιρεία, die 1814 als Geheimbund mit rein politischer Abzweckung neben die Gesellschaft der Musenfreunde getreten war.
 Ypsilantis’ Aktionen in den Donau-Fürstentümern der Moldau und Walachei, die übrigens nur von kurzlebigem Erfolg waren, bildeten das Fanal zur Erhebung der Bauernmassen auf dem Peloponnes am 25. März 1821;
dieser Tag wird heute noch als der Tag der griechischen Unabhängigkeit gefeiert.
 
Die griechische Revolution am 25. März 1821.
 Zur selben Zeit beriet der Kongreß der Heiligen Allianz in Laibach, dem heutigen Ljubljana, um Maßnahmen gegen die revolutionären Volksbewegungen in Neapel und Piemont festzuleger.

Schlagartig wurden hier Metternich und seinem Berater und Helfer Friedrich von Gentz die Gefahren deutlich, welche von dem griechischen Aufstand her ihren politischen Konstruktionen, die auf dim unbedingten Legitimitätsprinzip basierten, drohten.
Mag in Spanien und Portugal, in Nord- und Südamerika zuletzt geschehen, was da will», so können wir den Erfolg mit Ruhe abwarlen, schrieb Gentz in glasklarer Erkenntnis der Situation;

«ganz anders ist es mit dem Gang und den Schicksalen unserer östlichen Nachbarstaaten beschaffen; hier gilt es Aufrechterhaltung oder Untergang unseres politischen Systems, hier handelt es sich um Leben und Tod»  , und buchte es als seinen größten Erfolg, daß Alexander 1. die griechische Insurrektion desavouierte und ausgerechnet den Grafen Kapodistrias beauftragte, das Manifest zu redigieren, in dem sich der Zar von den Aufständischen distanzierte und ihren Führer Ypsilantis aus der russischen Armee ausstieß  .

Mächtig ergriff die griechische Sache die Köpfe und Herzen in jenen dunklen Jahren der Reaktion, in denen seit den Karlsbader Beschlüssen alles aufkeimende politische Leben innerhalb der deutschen Grenzen erstickt  und die preußische Junkerherrschaft in vollem Umfange wiederhergestellt worden war , und an ihr schieden sich die Geister. Treffend notierte der Mitarbeiter an dem Stein-Hardenbergschen Reformwerk Friedrich August Stägemann, in dessen Hause Müller als Berliner Student verkehrt hatte :

«Das griechische Feuer scheint den einen ein höllisches, den ändern ein himmlisches Feuer zu sein. . Ich vertraue mehr auf das Lager der Armen als auf das der Reichen, wenn die Armen von wahrer Tugend beseelt sind und die Reichen sich bloß auf ihre Macht verlassen.
 Es muß den Mut der Griechen mächtig anheben, daß das Parterre von Europa ihnen günstig ist und seine Augen auf sie richtet»  .

So hatte in der Griechenbegeisterung, dem Philhellenismus, die Griechensehnsucht des deutschen Bürgertums ihr konkretes Ziel gefunden, an dem Kleinbürgertum, Handwerksgesellen und Bauern in weitem Ausmaße, wiewohl aus unterschiedlichen Beweggründen, teilhatten. 

Ein kluger zeitgenössischer Beobachter schrieb dazu:

«Alle Parteien vereinigen sich in dem Interesse für die Griechen.
Die Frommen werden von Religion und Christentum, die Gebildeten von den klassischen Erinnerungen, die Liberalen von der Hoffnung auf altgriechische Republiken als Vorläufer und Pflanzschulen der künftigen allgemeinen Demokratisierung, Republikanisierung Europas . . . bewegt» . 

Einer solchen Bewegung zuzugehören, mußte sich Wilhelm Müller dank seiner Herkunft, dank seiner Bildung, dank seiner Lebenserfahrung, dank seinem Humanismus zuinnerst gedrängt fühlen .

Er hatte sich gegen bürokratische Widersacher Zug um Zug die ihm gebührenden Wirkungsmöglichkeiten im Geistesleben der anhaltischen Residenzstadt erkämpft, sich mit dieser dadurch enger verbunden, daß er Adelheid Basedow, eine Enkelin des berühmten Pädagogen, heimführte pflegte im übrigen vielfältige Kontakte nach Dresden als einem der literarischen Brennpunkte der Zeit und freundschaftliche Beziehungen zu dem angesehenen Leipziger Verleger Friedrich Arnold Brockhaus .

Über die deutschen Zustände schrieb er an den bereits erwähnten schwedischen Freund:

«Uber Politik ist nichts Erfreuliches zu melden. S’isch doch a Lumpenescht das Deutschland, sagte der alte Tiroler Koch  in Rom. Die Demagogen sollen alle wieder freigelassen weiden, sagt man . . . Aber Preßzwang und die politische Inquisition in der deutschen Bundesfestung (und in der Stadt, in der die Buchdruckerkunst erfunden ward) bleiben :
Das sind die Trophäen der deutschen Völkerschlacht bei Leipzig» .

Darum hatte der Dichter nicht selten (und nicht ungern) im metaphorischen (wie im eigentlichen) Sinne   die verlorene Freiheit im Wein wiederzufinden gesucht:

Deutsch und frei und stark und lauter
 in dem deutschen Land 
ist der Wein allein geblieben 
an des Rheines Strand .

Der Wein offenbart «die deutsche Tugend» und «den deutschen Mut», er predigt «deutschen Geist»,

wenn durch froher Männer Runde
 er im Becher kreist.

«in alter Treue» hält er «seinen deutschen Bund», nach «der Herren Wechsel» und «nach der Seelen Tausch» nicht fragend.
Schlußfolgert der Dichter:

Ist der nicht ein Demagoge, 
wer soll einer sein?
Mainz, du heil’ge Bundesveste
 sperr’ ihn nur nicht ein !

Rückwärts! heißt das Wort der Zeit, 

läßt Müller ein anderes Trinklied beginnen:
Wenn es schon rückwärts gehen soll, dann wenigstens zurück zum guten Weinjahr 1784! Ursprünglich freilich handelte es sich bei diesem Gedicht um ein «politisches Lied», das wohl im Hinblick auf die Zensur zu einem Tafellied herabgestimmt wurde:

Mancher hat’s schon weit gebracht
—    lesen wir in der Erstfassung —
mit dem Rückwärtsschreiten.
Ehrensterne, Gold und Macht bringt’s den guten Leuten.
Politik, hilf du mir fort!
Dir gehört mein Leben.
Hand in Hand und Wort auf Wort, rückwärts laßt uns streben!

Bei den Griechen dagegen, schien es, war solches Verschleiern nicht erforderlich;
 denn die erste Woge der Begeisterung reichte bis in die konservativsten Kreise hinein, so daß der Altliberale Varnhagen spöttisch bemerkte, daß mit der Berufung auf die gemeinsame christliche Religion «selbst die Demagogen» «ihre Freude am griechischen Aufstand» absichern könnten.

In den massenhaften Chor der Poeten, die Hellas’ Auferstehung zu preisen wußten, stimmte Müller herzhaft ein, und mag auch der dichterische Wert seiner Griechenlieder unterschiedlich zu beurteilen seinb, so haben sich doch seine Produkte mit vollem Recht weit länger lebendig erhalten als die Ergüsse anderer  .

Sein erstes Heft «Lieder der Griechen», neun Gedichte enthaltend, erschien im Oktober 1821 bei dem Buchhändler Ackermann in Dessau .

 Die Anspielungen auf  Namen und konkrete Geschehnisse sind noch recht gering, und auch in der formalen Gestaltung dominieren die Einflüsse der patriotischen Lyrik der Befreiungskriege durchaus  gegenüber den Einwirkungen der neugriechischen Volkspoesie, die offensichtlich Müller nur allmählich bekannt wurde in dem Maße, in dem ihre Lieder unter philhelle.iischem Signum in deutscher oder französischer Übersetzung im Druck erschienen.

Offenkundig ist dagegen das neuhumanistische Element; ich denke etwa an das historisch einigermaßen unwahrscheinliche Anliegen der «Mainottin» im gleichbenannten Gedicht:

ihr Mütter der Mainotten, kommt, laßt uns suchen gehn,
 ob nicht von Spartas Trümmern wir eine Spur erspähn .

Welch idealische Vorstellungen hatte der Dichter — und mit ihm das Gros der Philhellenen — von dem Stande der Volksbildung und von der Lebendigkeit antiker Überlieferung im Griechenland der Τουρκοκρατία!

Aber vielleicht zieht sieh schon ein Erahnen der Realitäten durch das Proömium der Sammlung:
 «Die Griechen an die Freunde ihres Altertums».
Sie haben viel geschrieben, gesungen und gesagt, 
gepriesen und bewundert, beneidet und beklagt.
 Die Namen unsrer Väter, sie sind von schönem Klang, 
sie passen allen Völkern in ihren Lobgesang, 
konstatieren die Sprecher, um daran die enttäuschte Frage zu knüpfen:

Was hat euch nun, ihr Völker, so scheu und bang gemacht ?
 Der Geist, den ihr beschworen, er steigt aus tiefer Nacht 
empor in alter Größe und beut euch seine Hand—
erkennt ihr es nicht wieder, das freie Griechenland?

Ja mehr noch:

Das Alt’ ist neu geworden, die Fern’ ist euch so nah,
 was ihr erträumt so lange, leibhaftig steht es da, 
es klopft an eure Pforte — ihr schließt ihm euer Haus —, 
sieht es denn gar so anders, als ihr es träumtet, aus?

Ist hier nicht die Desillusionierung vorweggenommen, die gerade die Besten unter den Freiwilligen ergriff, die auszogen, um für das antike Hellas zu kämpfen und an den Realitäten eines Balkanvolkes scheiterten, dessen Majorität Byzanz und Orthodoxie einiges, das klassische Altertum dagegen nichts bedeutete. «Viele Jünglinge, die nach Griechenland gegangen waren», schrieb in diesem Zusammenhang der weltkundige Historiker Niebuhr, «kehren zurück, und weil sie Dinge geträumt hatten, die nicht sein konnten, so sind sie unerschöpflich, das unglückliche Volk im schwärzesten Lichte zu schildern; doch gibt es unter diesen Jünglingen liebe Seelen. Ich habe nichts anderes erwartet, als was die Unerfahrenen gefunden, und ändere meine Meinung nicht, weil es so ist» .

Auch an die Großmächte richtet der Dichter sein Wort. In einem Gedicht wenden sich «Die Ruinen von Athen an England»
—    die Ruinen von Athen machten übrigens einen festen Topos in der Philhellenenliteratur aus —, den «Hort der Freiheit», mit der freimütigen Feststellung:

Auch ein großer Lord ist kommen, hat von unserm morschen Haupt
 im Entzücken der Bewnndrung uns der Bilder Schmuck geraubt.

Angespielt ist auf den Lord Eigin, der als britischer Gesandter bei der Hohen Pforte in den Jahren 1803 bis 1812 große Teile des Skulpturenschmucks der Akropolis abnehmen und nach England verbringen ließ  , wo sie trotz aller Versprechungen bis auf den heutigen Tag verblieben sind.

Noch schärfere Töne schlägt Müller gegenüber dem «Österreichischen Beobachter» an, dem Sprachrohr Friedrich Gentz’ und damit der reaktionären österreichischen Orientpolitik :

Du nanntest uns Empörer — so nenn’ uns immerfort !
Empor, so heiß’ es ewig, der Griechen Losungswort !
Dir aber töne nimmer ins Herz der hohe Klang:
Beobacht’ aus dem Staube die Welt dein Lebelang ! 

Binnen sechs Wochen war die etwa 1.000 Exemplare umfassende Auflage der Griechenlieder vergriffen, weit über das Vaterland des Dichters hinaus wirkend . 

Dessen Muse inspirierten auch fernerhin die Ereignisse auf dem griechischen Kriegsschauplatz.
«Meine Muse ist keine Heuchlerin, und so hoffe ich, daß Sie in meinen Griechenliedern nicht allein die Griechen, sondern auch mich vernehmen werden», lesen wir in einem Freundesbrief .

Dieser Satz trifft wie auf das vorangehende so auch auf das zweite Heft der «Lieder der Griechen» zu, das mit acht Gedichten im März 1822 herauskam.
Das erste davon höhnte über die Amnestieproklamation der Hohen Pforte , ein weiteres besang den Führer der Hetäristen, der nach seinem Scheitern auf österreichisches Gebiet übergetreten und dort als Revolutionär interniert worden war :

Alexander Ypsilanti saß in Mukacs’ hohem Turm,
an den morschen Fenstergittern rüttelte der wilde Sturm .

Ansonsten beherrschen die klassizistischen Vorstellungen noch immer das Feld; dagegen klingt der schlichte Volkston, der uns aus den früheren Müller-Liedern vertraut ist, in dem Gedicht «Der kleine Hydriot» an, das auf Jahrzehnte seinen Platz in den deutschen Schullesebüchern behauptete:

Ich war ein kleiner Knabe, stand fest kaum auf dem Bein,
da nahm mich schon mein Vater mit in das Meer hinein.

Hatten die deutschen Regierungen die lediglich literarische Griechenbegeisterung notgedrungen geduldet, so erwachte alsbald die Demagogenriecherei, sowie nur jener Philhellenismus die ge
ringste Form von Organisiertheit anzunehmen begann.

Friedrich Thiersch
 Insbesondere der Plan des Münchner Philologen Friedric
h Thiersch, eine deutsche Legion ins Leben zu rufen, brachte Metternich zum Rasen und veranlaßte ihn, die deutschen Teilstaaten auf diplomatischem Wege zu warnen; es gelte, «dem revolutionären Spiel des Professors Thiersch und Konsorten ein Ende zu machen, das lächerlich sein würde, wenn es nicht verbrecherisch wäre», heißt es in der Note an den preußischen Außenminister, der sich stehenden Fußes dahingeliand aussprach, die Aktivität zugunsten der Griechen sei nicht aus preiswürdigen Gefühlen der Religion und Menschlichkeit hervorgegangen, sondern diene rein politischen, großenteils auf Deutschland berechneten Zwecken .

Die neue Lage zwang Müller, mit seiner nächsten Sammlung «Neue Lieder der Griechen», die unter der Jahreszahl 1823 am 1. November 1822 erschien , zu Brockhaus nach Leipzig zu gehen ; doch blieb er auch hier von der Zensur nicht unbehelligt .

Beim gleichen Verleger folgten im Verlaufe des Jahres 1823 noch ein zweites und ein drittes Heft. Sie bezeugen, daß Müller trotz seiner weitgespannten sonstigen Tätigkeit  die ihm zufließenden Nachrichten aus Griechenland aufmerksam verwertete; am stärksten sind freilich diejenigen von seinen Gedichten, in denen sich der Poet über den allgemeinen Protest hinaus zu unmittelbarer persönlicher Parteinahme aufgerufen fühlt.
So ist für Verse wie die folgenden Hellas ganz gewiß nur Folie, um die deutsche Misere zu geißeln:

Und willst du, meine Muse, denn gar zu Megära werden?
 Du sangst noch jüngst im stillen Hain der Hirten und
der Herden.
Du fragst? Siehst du die Hirten nicht nach scharfen Eisen
greifen?”
Da mußt’ ich Hirtensängerin mein Haferrohr zerbrechen und, wie’s die scharfe Zeit gebeut, in scharfen Tönen sprechen. Der Freiheit Tuba hab’ ich hell durch Stadt und Land geblasen: Laß meine Geißel nun ums Haupt der Pharisäer rasen ! 

Über diese Pharisäer höhnt das folgende Gedicht, überschrieben «Die verpestete Freiheit» :

Was schreit das Pharisäervolk so ängstlich durch die Länder, 
die Häupter dick mit Staub bestreut, zerrissen die Gewänder? 
Sie schreien: Sperrt die Häfen zu, umzieht mit Quarantänen
 die Grenzen und die Ufer schnell vor Schiffen und vor Kähnen!
Die Pest ist unter ihrer Schar. Da seht die Strafgerichte, 
damit des Herrn gerechte Hand Empörer macht zunichte!
Die Freiheit selber, wie es heißt, ist von der Pest befallen
 und flüchtet sich nach Westen nun mit ihren Jüngern allen.
O seht euch vor, daß in das Land die Freiheit euch nicht schleiche
und der gesunden Völker Herz mit ihrem Hauch erreiche !
Sie kleidet sich zu dieser Zeit in vielerlei Gestalten:
Bald Weib, bald Mann, bald nur ein Kind, bald hat sie greise Falten.
Drum lasset keinen Flüchtling ein, der kommt vom Griechenlande,
daß nicht die Freiheit ihre Pest bring’ in die guten Lande !

Nicht weniger parteilich ist der bittere Spott, mit dem sich Müller unter der Überschrift «Pontii Pilati Händewaschen» gegen den Konvertiten Gentz wandte  :

O bringet doch Weihwasser her ! Vom besten muß es sein:
Holt es aus Rom! Das römische, das wäscht ja alles rein .
Hört! Von Geschäften wurde toll ein christlicher Minister ,

beginnt das nächste Stück, auf den im Wahnsinn gestorbenen britischen Minister Castlereagh bezogen, der den Liberalen ganz Europas für die Inkarnation des Rückschritts galt .

Sieben weitere Gedichte entstanden im Verlaufe der zweiten Hälfte des Jahres 1823 und erschienen als «Neueste Lieder der Griechen» im Frühjahr 1824 gesammelt in Leipzig .

In ihrer dichterischen Aussage stehen sie durchweg hinter den früheren Gesängen zurück. Bemerkenswert ist, daß in den späteren Ausgaben der Griechenlieder regelmäßig eine gegen Ende 1823  verfaßte «Hymne auf den Tod Raphael Riegos» mitgedruckt wurde, in der sich die Begeisterung des Dichters für den Führer der spanischen Revolution von 1820 wiederspiegelte.

Aber so sehr diese für ihn auch Einkleidung nationaler Empfindungen sein mochte, ist Wilhelm Müller der griechischen Sache doch auch um ihrer selbst willen treu geblieben. Denn die erste philhellenische Welle war 1823 längst abgeebbt.
Wir sprachen vorhin bereits von den Gründen, die bei der Überzahl der freiwilligen Kämpfer zur Desillusionierung führten. So weit ging diese Enttäuschung, daß sich die preußische Regierung unbedenklich humanitäre Rückführungsaktionen ihrer «Untertanen» leistete , hatten doch in Deutschland die philhellenischen Organisationen vor dem Ansturm der Reaktion die Waffen gestreckt e.
Wilhelm Müller aber gab nicht auf.

George Gordon Noel Byron
(1788 in London - † 19. April 1824 in Messolongi, Griechenland)
 1825 erschien in Dessau die zweite Auflage seiner «Lieder der Griechen», bereichert um ein bereits 1824 entstandenes Poem auf den Tod des im Dienste der griechischen Sache verstorbenen englischen Dichters Lord Byron  , dessen Schaffen Müller auch wissenschaftlich zu würdigen bemüht gewessen ist .
 
Noch wichtiger aber wurde, daß er daran teilnahm, dem deutschen Volke den neugriechischen Volksliedschatz zu erschließen.

Schon seit 1815 hatte sich Goethe mit diesen höchst bemerkenswerten Dokumenten künstlerischen Volksschaffens befaßt und das Charonlied sowie «neugriechisch-epirotische Heldenlieder» nach französischen Vorlagen übersetzt .

Solchermaßen vorbereitet, erregte das Erscheinen der «Chants populaires de la Grèce moderne» (Paris 1824-25) des französischen Literaturhistorikers Charles Fauriel in Deutschland Sensation  ;

Müller bezeichnete sie als «eine der wichtigsten Erweiterungen des poetischen Welthorizontes»  und machte sich sogleich ans Übertragen — übrigens nicht ohne Kenntnis der durch Vuk Karadzic und Talvj zugänglich gewordenen serbischen Volksdichtung . Im Frühjahr 1825 kam seine Sammlung heraus und rief, wie die Literaturzeitungen bezeugen, ein lebhaftes Interesse hervor . Die Einleitung zeigt ein weiteres Mal, daß der Übersetzer im Gegensatz zu anderen in seinem Einsatz für die griechische Freiheit nicht zu resignieren gewillt ist: «Volkslieder sind Stimmen der Völker», lesen wir.

«Und so möge auch die kraftvolle, aus tiefster Brust emporklingende Stimme des griechischen Volks in die Ohren derer tönen,
 die Ohren haben zu hören. 
Wer aber seine Sinne durch türkisches Opium umnebelt und erschlafft hat, 
der schone seines Trommelfelles.
 Er möchte diesen Stentor wohl nicht ertragen können»  .

Doch nicht nur die Lieder der Klephten, jener ungeschlachten Freiheitskämpfer, denen die Benennung «Räuber» (κλέφτης) zum Ehrennamen geworden ist, reizten Müllers Ingenium.

 Durch Fauriel wurde er auch mit den buntgestaltigen Zweizeilern bekannt, den «λιανοτράγουδα», was wir als Distichen wiederzugeben pflegen.
Hier fühlte er sich vollends in seinem Element, beschränkte er sich nicht auf die Übertragung, sondern schuf Eigenes aus dem Geiste dieser Dichtung; in mehreren Zeitschriften erschienen solche «Reime aus den Inseln des Archipelagus». Ein Beispiel wenigstens sei dargeboten.
Fauriel vermittelte neben der französischen Prosaübersetzung den folgenden griechischen Text:

Κυπαρισσάκι μ’ ύψηλον, 
σκύψε να σέ λαλήσω-
 εχω δυο λόγια νά σ’ εΐπώ,
 κ’ άπαί νά ξεψυχήσω.

Dazu lautet Müllers wörtliche Übersetzrung:

Hohe Zypresse,
 neige dich, 
damit ich zu dir spreche, 
zwei Worte nur hab ich für dich, 
nach diesen will ich sterben.

Nachgestaltend aber schrieb er:

Neige dich herab, 
Zypresse, 
nur zwei Worte sag’ ich dir.
Sage dir: 
Ich lieb’ und sterbe dann zu deinen Füßen hier .

Dem kämpferischen Griechenfreunde blieb jedoch keine Zeit für die bukolische Idylle; denn neue Ereignisse auf dem Kriegsschauplatz, die eine neue Woge philhellenischer Begeisterung auslösten, forderten seine Aufmerksamkeit und ließen Müllers Muse sich aufs neue an dem Gegenwartsgeschehen entzünden.

Je länger die griechisch-türkische Auseinandersetzung unentschieden andauerte, um so mehr hatten sich die Kabinette der Großmächte davon überzeugen lassen müssen, daß die orientalische Frage mit dem Metternichschen Legitimitätsprinzip allein nicht zu lösen war; Griechenland sollte daher eine begrenzte Autonomie erhalten .

 Drastisch hat der junge Engels 1846 diese Situation folgendermaßen gekennzeichnet:

 «Selbst das göttliche Recht des Großtürken, seine griechischen Untertanen zu hängen und zu vierteilen, wurde eine Zeitlang von der Heiligen Allianz unterstützt; 
aber dieser Fall war zu flagrant, und die Griechen erhielten die Erlaubnis, dem türkischen Joch zu entschlüpfen». 

Statt jedoch auf die Vorschläge der Mächte einzugehen, hatte die Pforte ihren Widerstand verstärkt, den niederzuhalten nun nicht mehr nur griechisch-philhellenisches Anliegen, sondern zugleich politisches Gebot war. Die philhellenische Welle der Jahre 1826 /27 trug deshalb durchaus anderen Charakter als die Griechenbegeisterung von 1821 /22  .

 An die Stelle der Freiheitsbewegung, die breiteste Volksschichten erfaßte, weil sie in dem Kampf der Griechen die Erfüllung der Sehnsüchte der eigenen Nation erkannten, traten streng karikative, staatlich reglementierte Hilfsaktionen, bei denen strikte darauf geachtet wurde, daß alle Politik und vollends alle Innenpolitik aus dem Spiele blieb.

Den entscheidenden Auftrieb erhielt dieser neue Philhelle- nismus durch das Kriegsgeschehen selbst. Der ägyptische Vizekönig Mehemed Ali hatte endlich dem Drängen der Pforte nachgegeben und sich zur Intervention bereitgefunden.

Im Februar 1825 entsandte er Ibrahim Pascha mit einer modern ausgerüsteten Streitmacht auf den Peloponnes.

Die in sich heftig befehdende Parteien gespaltenen Griechen erlitten schwere Niederlagen und verloren nach sechsmonatiger Belagerung am 22. April 1826 die befestigte Stadt Mesolongi am Golf von Patras.
Theodoros P. Vryzakis:
Ausfall der Belagerten von Messolongi
1855 (Athen, Nationalgalerie)
  Der Heldenmut der Verteidiger und das Selbstopfer zahlreicher Einwohner der Stadt, die sich mit den Pulvermagazinen in die Luft sprengten, sowie endlich die Greuel der Eroberer riefen allenthalben in Europa Bewunderung, Anteilnahme und Abscheu hervor  und ließen auch Wilhelm Müller erneut seine Stimme erheben.

Unter dem Titel «Missolunghi» erschien im Jahre 1826 in Dessau ein Heft mit drei Griechenliedern, das unmittelbar darauf in Dresden in 1.500 Exemplaren nachgedruckt wurde ;

ein weiteres Gedicht zum selben Thema blieb unveröffentlicht und wurde erst 1884 aus dem Nachlaß herausgegeben . In Balladenform gestaltet, fallen die Teile dieses Zyklus gegenüber den früheren Gedichten nach ihrer politischen Aussage ab, während christlich-mystizi- stische, ja sogar rassistische Elemente sich in den Vordergrund drängen.

Asia hat ausgespien ihre gelbe Tigerbrut, daß sie purpurrot sich trinke in der Griechenkinder Blut; Afrika aus ihren Wüsten stürmet über Hellas’ Meer mit des Samums Todeshauche ihre Negerhorden her,
beginnt das Gedicht «Die Veste des Himmels»   und gipfelt in dem Lobpreis:

Missolunghi, Stadt der Helden, Hellas’ Hort und Ehrenstern,
Schmach der Heiden, Stolz der Christen, Missolunghi, 
Stadt des Herrn .

Im übrigen aber war das Massaker von Mesolongi zugleich der Wendepunkt in den griechischen Geschehnissen. Um dem russischen Einfluß zu begegaen, begann die britische Regierung, Kapitalien in Griechenland anzulegen ; im Oktober 1827 versetzten die vereinigten Flotten Englands, Frankreichs und Rußlands den türkischen Seestreitkräften bei Navarino, dem antiken Pylos, den vernichtenden Schlag, während 1828 /29 der russisch-türkische Krieg das griechische Festland befreite. 1829 wurde im Vertrag von Adrianopel die Unabhängigkeit Griechenlands bestätigt, 1830 durch das Londoner Protokoll der neue Staat von den Großmächten anerkannt .

Wilhelm Müller ist es nicht vergönnt gewesen, die nationale Befreiung und staatliche Unabhängigkeit des Hellenenvolkes zu erleben, der sein Dichten gegolten hatte, und noch weniger war es ihm vergönnt, an der bürgerlichen Revolution in Deutschland teilzunehmen, zu deren Vorbereitung er nicht wenig beitrug.

Der Unermüdliche hatte sich frühzeitig verzehrt, übernahm er doch neben seiner Berufsarbeit in wachsendem Maße lexikographische   und editorische Aufgaben , ohne deshalb seine literarische Produktion zu verringern oder seine Freude an Geselligkeit zu zügeln. Badekuren bringen vorübergehende Linderung, mehrere Besuche bei Goethe   sowie eine Rheinreise   werden zu letzten Höhepunkten, bis ihn, wenige Tage vor seinem 33. Geburtstage, am 30. September 1827 in seiner Heimatstadt Dessau ein plötzlicher, sanfter Tod ereilt .

 Gustav Schwab, als der Erzähler der Sagen Johannes lrmscher des klassischen Altertums  noch heute in lebendigem Bewußtsein, hat dem toten Freunde Verse gewidmet:

Du warst der Bote von eines Volkes Auferstehn,
 gesandt noch vor dem Morgenrote und bei der kühlen Lüfte Wehn.
Da hat dein Sang sich aufgeschwungen, noch eh der Tag im Osten graut; 
jetzt ist die Sonne durchgedrungen:
Wohl dir, du hast sie noch geschaut.
(Du) schiedst und ließest deine Lieben;
 dein reicher Morgen war gelebt;
 uns aber ist dein Lied geblieben, das durch die Brust lebendig bebt .

Uns heutigen ist Wilhelm Müllers Lied geblieben, seine anmutigschlichten Volkslieder  ebenso wie seine Philhellenengedichte, die wir als Dokumente der Verbundenheit und Solidarität mit dem griechischen Volke nicht minder zu schätzen wissen denn als Zeugnisse des Freiheitsstrebens des deutschen Volke in der Epoche der Metternichschen Reaktion.

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